Sep 16, 2019 Last Updated 11:34 AM, Sep 13, 2019

Supervision in Halabja

Rahel Gönner ist ausgebildete Psychotherapeutin und absolviert seit Sommer 2018 die monatliche Supervision für unser medizinisches und psychotherapeutisches Personal in unserem Zentrum in Halabja. Im Gespräch mit Lydia Kröger, Leiterin des Bereichs Fundraising und Öffentlichkeitsarbeit der Jiyan Foundation erzählt sie, wie sie zu dieser Arbeit kam und was dabei erlebt:

rahel
Lydia: Wie bist du auf die Jiyan Foundation aufmerksam geworden und warum wolltest du Supervision für sie anbieten?

Rahel: Ich habe in Berlin studiert und danach meine Ausbildung zur Psychotherapeutin in London an einem Flüchtlingszentrum absolviert. Danach arbeitete ich mehrere Jahre für soziale Organisationen in London. Letztes Jahr ging ich nach Spanien und biete seitdem Supervisionen an. Durch eine Supervision für eine Organisation in Amman, in Jordanien, kam ich auf die Jiyan Foundation. Ich baute Kontakt auf und wenige Wochen später wurde ich angerufen und erhielt den Auftrag, für das Team des Zentrums in Halabja die monatliche Supervision zu übernehmen.

Lydia: Und wie läuft es genau ab in Halabja? Welche Erfahrungen hast du bis jetzt vor Ort gemacht?

Rahel: Die Supervision begann im Sommer 2018, seitdem war ich zweimal in Halabja, meistens treffen wir uns allerdings virtuell per Skype. Die Erfahrungen, die ich bis jetzt mit dem Team aus Halabja gemacht habe, sind durchweg positiv. Die Mitarbeiter haben einen sehr starken Teamzusammenhalt und unterstützen sich gegenseitig, was mich aber am meisten überrascht hat, ist der Humor, mit dem alle an ihre Arbeit gehen.

Lydia: Besteht dann überhaupt Bedarf an Supervision?

Rahel: Gute Frage. Viele Teammitglieder waren am Anfang auch noch etwas skeptisch. Aber mittlerweile bekomme ich viel positives Feedback, eine Teilnehmerin verglich die Supervision mit dem gemeinsamen Anschieben eines Autos – so als ob durch die Supervision das Team zu noch besserer Arbeit angestoßen würde. Ich merke auch, dass es für sie sehr wichtig ist, sich aussprechen zu können. Wir besprechen natürlich meist Fälle, besonders solche, die den Psychotherapeuten als hoffnungslos erscheinen, also bei denen es schwer ist, eine Diagnose zu erstellen oder wo auch nach mehreren Sitzungen noch kein Fortschritt sichtbar ist. Es hilft ihnen, wenn wir dann im Team darüber sprechen.

Lydia: Zum Schluss würde mich noch interessieren, welche Unterschiede du in deiner Arbeit in Halabja zu deinen Erfahrungen in London erkennen kannst.

Rahel: Was mir besonders auffällt ist, dass viele Menschen, die nach Europa flüchten, erwarten, dass sobald sie am Zielort angekommen sind, sich die Probleme in Luft auflösen. Oft aber habe ich das genaue Gegenteil erlebt – sie werden von ihrer Vergangenheit eingeholt, müssen sich aber auch noch mit dem Asyl beschäftigen und sich ein neues Leben aufbauen. Ich habe in London mit Menschen gearbeitet, deren Asylbescheid vor 12 Jahren abgelehnt wurde, sie schliefen auf Sofas, arbeiteten schwarz und waren vom Gesundheitssystem ausgeschlossen. In Bezug auf die Psychotherapeuten muss ich ganz klar sagen, dass die Arbeit im Irak natürlich sehr eingeschränkt ist im Gegensatz zu Europa. Gerade in einer so kleinen Stadt an der Grenze wie Halabja gibt es wenige Jobmöglichkeiten, Psychotherapeuten können sich im Irak auch nicht einfach selbstständig machen, dafür fehlt die allgemeine Akzeptanz der Psychotherapie in der Region. Existenzängste können da schon mal aufkommen. Umso wichtiger ist es, die Arbeit im Zentrum fortzuführen und weiter Fachleute vor Ort auszubilden, um Psychotherapie noch stärker im Irak zu etablieren.

Lydia: Vielen Dank für das Gespräch.

Testimonial

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Rahel Gönner ist ausgebildete Psychotherapeutin und absolviert seit Sommer 2018 die monatliche Supervision für unser medizinisches und psychotherapeutisches Personal in unserem Zentrum in Halabja. Im Gespräch mit Lydia Kröger, Leiterin des Bereichs Fundraising und Öffentlichkeitsarbeit der Jiyan Foundation erzählt sie...

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