Oct 18, 2019 Last Updated 12:45 PM, Sep 30, 2019

Interview mit Laila Ahmed, Leiterin der Frauenklinik

Interview with Laila Ahmed, head of women’s clinic

Im Jahr 2014 überfiel der sogenannte Islamische Staat (IS) den Irak und eroberte weite Teile des Landes. Besonders betroffen war die Region Sinjar, wo unfassbare Verbrechen an der lokalen Bevölkerung verübt wurden: Tausende der dort ansässigen Religionsgruppe der JesidInnen wurden vertrieben, versklavt, gefoltert und getötet. Viele der Überlebenden sind traumatisiert und benötigen nun psychologische Unterstützung.

Im November 2015 eröffnete die Jiyan Foundation for Human Rights eine Traumaklinik für Frauen und Kinder, die vom IS verschleppt worden sind. In der Klinik erhalten sie stationäre medizinische und psychologische Behandlung in einem heilsamen Umfeld.
Lesen Sie hier, was uns Laila Ahmed, Leiterin der Klink, über ihre Arbeit berichtet hat:

Frau Ahmed, was ist so besonders an der Klinik der Jiyan Foundation?

Der IS hat in unserer Region viel Leid verursacht. Vor allem einen derart gezielten Angriff auf Frauen hat es so noch nicht gegeben. Das bedarf besonderer Aufmerksamkeit. Es gibt verschiedene Organisationen, die ambulante psychologische Unterstützung für die Überlebenden anbieten. Es bedeutet aber, dass PatientInnen die TherapeutInnen oder BeraterInnen nur für ein oder zwei Stunden pro Woche sehen und danach nach Hause gehen. Das ist aber nicht genug für schwer traumatisierte Frauen. Sie brauchen ein stabiles Umfeld, medizinische Versorgung, psychologische Unterstützung und Traumatherapie. Und zwar stationär, 24 Stunden am Tag. In unserer Klinik bekommt jede Familie einen eigenen Raum. Um dem Tag eine Struktur zu geben, werden alle Mahlzeiten von Personal und Patientinnen gemeinsam eingenommen. Zusätzlich zu der Therapie bieten wir Kurse wie Nähen und Stricken an. In der Freizeit schauen wir Filme oder spielen gemeinsam. Besonders beliebt sind Spiele, die die Patientinnen aus ihrer Kindheit kennen. Manchmal sitzen wir einfach zusammen und unterhalten uns über die Besonderheiten unserer Herkunftsorte; wir bemerken Gemeinsamkeiten und Unterschiede und tauschen uns aus.

Was für Hintergründe haben die Patientinnen?

Bis zum August 2017 haben 200 Frauen und Kinder jeglichen Alters Therapien wahrgenommen. Alle von ihnen waren vom IS gefangen gehalten worden. Manche waren erst vor kurzem freigekommen, andere schon zwei Jahre zuvor. Jetzt leben fast alle Patientinnen mit Ihren Familien in Lagern in der Umgebung von Dohuk. Viele haben Kinder, die sie natürlich mit in die Klinik bringen können. Das jüngste Kind, das wir hier hatten, war nur vier Monate alt, der älteste Junge war zwölf. Frauen, die eine Therapie machen wollen, sollten keine ernsten körperlichen Beschwerden haben, damit sie sich wirklich auf die psychologische Therapie konzentrieren können. Kleinere Verletzungen oder Krankheiten können in der Klinik behandelt werden.

Wie erfahren Patientinnen von der Klinik?

Die Klinik ist seit der Eröffnung sehr bekannt geworden. Aber am überzeugendsten wirkt es auf die Frauen immer noch, wenn ehemalige Patientinnen ihnen erzählen, wie die Therapie ihnen geholfen hat. Das Wissen über die Angebote der Klinik verbreitet sich also in erster Linie über persönliche Empfehlung. Zusätzlich überweisen unsere mobilen Teams in den Camps und andere Organisationen Fälle an uns.

Was sind die Ursachen für Traumata? Können Sie Gemeinsamkeiten in den Erfahrungen der Frauen feststellen, die ja alle vom IS gefangen gehalten wurden?

Tatsächlich teilen die meisten Frauen ähnliche traumatische Erfahrungen. Sie haben körperliche Gewalt und Vergewaltigung erlitten, und sind Opfer von Menschenhandel geworden. Mütter und Kinder sind voneinander getrennt worden. Viele haben miterlebt, wie Familienmitglieder verletzt oder getötet wurden. Die Symptome dieser traumatisierenden Erlebnisse lassen sich in vier Gruppen unterscheiden: Emotionales Abstumpfen, wiederholtes Durchleben des Ereignisses, Vermeidungsverhalten und Übererregung. Genauer gesagt erleben unsere Patientinnen Interesselosigkeit oder schwere Phasen der Traurigkeit, sie weinen sehr viel, sind vom Leben enttäuscht oder verlieren den Bezug zur Realität. Sie haben Flashbacks, Alpträume oder driften ab in Tagträume. Sie vermeiden alles, was sie an ihre traumatische Erfahrung erinnert. Viele haben Konzentrationsprobleme; sie vergessen wie Dinge funktionieren, die sie vorher andauernd gemacht haben. Sie sind oft übermäßig wachsam, leiden unter Schlafstörungen, werden sehr leicht wütend oder haben Suizidgedanken. Um Selbstmordversuche zu verhindern, zählen und schließen wir alle Messer in der Küche weg, nachdem sie benutzt wurden. Unsere Krankenpflegerinnen beaufsichtigen die Medikamenteneinnahme und achten darauf, dass niemand Tabletten sammelt, um sie alle auf einmal einzunehmen. Kinder, junge Frauen und alte Frauen leiden alle auf unterschiedliche Weise. Ältere Frauen sind lebenserfahrener und haben oft schon Bewältigungsstrategien entwickelt. Wir nutzen also ganz individuelle Therapieansätze für jede Patientin.

Welche Ansätze hat die Klinik, um mit den traumatisierten Patientinnen umzugehen?

Unser Therapiekonzept unterstützt unsere Patientinnen, indem ihre ganz individuellen Umstände in Betracht gezogen werden. Zuerst versuchen wir, ihre Probleme zu verstehen. Da wir ihr Trauma nicht ungeschehen machen können, helfen wir den Frauen, mit ihren Erfahrungen zu leben. Unsere Therapeutinnen entwickeln individuelle Therapiepläne für die Patientinnen entsprechend ihrer speziellen Bedürfnisse. Die Therapie beinhaltet sowohl medizinische Versorgung als auch psychologische Unterstützung und spezielle Traumatherapie. Neben individuellen Sitzungen bieten wir Kunst-, Spiel- und Gruppentherapie an. In ihrer Freizeit können die Frauen Sport treiben, gärtnern, zusammen picknicken oder in den Park gehen. Aktuell nimmt das Personal an einer Fortbildung zu EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing – Desensibilisierung und Aufarbeitung durch Augenbewegungen) teil. Das ist eine sehr effektive Methode, um Traumasymptome zu reduzieren.

Wie lange bleiben die Patientinnen normalerweise in der Klinik? Und warum machen sie nicht einfach eine Therapie in einem der ambulanten Zentren der Jiyan Foundation?

Momentan bleiben die Frauen durchschnittlich für vier bis sechs Wochen in der Klinik. Eine ambulante Behandlung wäre für sie nicht ausreichend. Wir brauchen Zeit, um die Patientinnen zu verstehen. Und die Patientinnen wiederum brauchen Zeit für sich selbst. Wenn sie während der Therapie im Lager leben, sorgen sie sich um den Alltag ihrer Familie, müssen kochen und sich um die Kinder kümmern. Wir wollen, dass sie sich wohl fühlen und den Stress zurücklassen. Die therapeutischen Bedingungen sind in der Klinik viel besser als in den Lagern. Unser Personal ist Tag und Nacht verfügbar. Die Patientinnen können zum Personalraum kommen, wann immer sie etwas brauchen. Wir bieten auch den Familien an, uns zu besuchen und sicher zu gehen, dass wir uns gut um ihre Frau oder Schwester kümmern. Weil die meisten Frauen schulpflichtige Kinder haben und sich um ihre Familien kümmern müssen, verlassen sie uns oft früher als uns lieb ist. Aber natürlich zwingen wir niemanden zu bleiben. Übrigens bedeutet das Verlassen der Klinik auch nicht unbedingt das Ende der Therapie! Die meisten Frauen führen die Therapie weiter in unserem Zentrum in Dohuk oder mit den mobilen Teams im Lager.

Sie sagten, dass einige Frauen ihre Kinder mit in die Klinik bringen. Was tun diese Kinder den ganzen Tag über?

Kinder erhalten – wenn nötig – genauso psychologische Unterstützung und Therapie, aber auf eine eher spielerische Art und Weise. Wir machen mit ihnen Kunst-, Spiel- und Gruppentherapie und ermöglichen ihnen eine formelle Schulbildung. Wir beginnen bei den Buchstaben. Die meisten von ihnen haben nie eine reguläre Schule besucht.

Sie bieten ein sehr umfangreiches Programm an! Wie viel kostet der Aufenthalt in der Klinik?

Nichts! Alle Angebote der Klinik sind kostenlos für die Patientinnen – sie sollen sich nicht ums Finanzielle sorgen müssen. Die Klinik wird von unserem langjährigen Partner Misereor finanziert.

Wie viele Angestellte haben sie aktuell und was ist ihr Bildungshintergrund?

Aktuell haben wir 21 Mitarbeiterinnen: Ärztinnen, Gynäkologinnen, Psychiaterinnen, Psychologinnen und Traumatherapeutinnen, eine Physiotherapeutin und Krankenpflegerinnen. Des Weiteren haben wir eine Köchin, die manchmal von den Patientinnen unterstützt wird. Tatsächlich sind alle unsere Angestellten Frauen. Alle Therapeutinnen haben ihren Abschluss an Universitäten hier im Land gemacht. Sie nehmen regelmäßig an Fortbildungen teil und erhalten Supervision.

Mit welchen Herausforderungen muss die Klinik umgehen?

Die größte Herausforderung ist die Angst vor Stigmatisierung. Psychotherapie ist nicht teil der lokalen Kultur, also sprechen die meisten nicht über ihre psychischen Probleme. Glücklicherweise ändert sich das langsam. Die größte Herausforderung in der Klinik ist es, das Vertrauen der Patientinnen zu gewinnen. Das ist sehr schwer und dauert lange, wegen der schrecklichen Dinge, die sie erlebt haben. Die Sprache ist auch ein Thema, da die meisten unserer Patientinnen Kurmanji sprechen, einen kurdischen Dialekt aus dem Norden, während die Angestellten meist das zentralkurdische Sorani sprechen. Beide Dialekte haben Gemeinsamkeiten, sind aber ohne Übung teilweise schwer zu verstehen. Wir gewöhnen uns aber daran und können sogar voneinander lernen.

Warum arbeiten Sie persönlich in der Jiyan-Klinik?

Ich bin Psychotherapeutin und haben lange Jahre in der ambulanten Versorgung der Jiyan Foundation in Chamchamal gearbeitet. Dort konnte ich Menschen helfen, die Unterstützung brauchen. Aber ich denke, dass ich hier in der Klinik noch mehr bewirken kann. Die Frauen haben unvorstellbare Erfahrungen machen müssen. Ich will sie dabei unterstützen, ein Leben zu führen, das so normal wie möglich ist.

Können Sie uns von einer Erfahrung erzählen, die sie besonders eindrucksvoll fanden?

Es gibt viele schlimme Erinnerungen, aber auch ein paar ein paar schöne. Wir neigen dazu, uns die schlimmen Erfahrungen besser zu merken als die schönen. Ich muss kurz über die guten nachdenken [überlegt still].

Wenn die Patientinnen zur Klinik kommen, fühlen sie sich müde, interessieren sich für nichts, sind ausgebrannt. Aber nach ein paar Wochen in der Therapie kann ich eine Veränderung in ihren Gesichtern sehen, weil sie beginnen, über sich selbst in einem anderen, positiveren Licht zu denken. Und manchmal frage ich mich: Ist das dieselbe Person, die vor ein paar Wochen hierher kam? Das ist eine große Leistung für mich. Wenn die Patientinnen uns verlassen, kann ich sehen, dass die meisten nicht gehen wollen, sondern müssen. Aber wenigstens verlassen sie uns so viel lebensbejahender. Jede einzelne dieser Erfolgsgeschichten ist ein ganz besonderer Moment für mich.

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten, was wäre der?

Ich würde mir mehr Fortbildungen und Trainings für meine Angestellten wünschen. Sie sind begierig, noch mehr therapeutische Techniken zu lernen. Außerdem würden sie sich noch mehr Austausch über Erfahrungen und Ideen wünschen, besonders mit AusbilderInnen aus dem Ausland. Wenn ich einen zweiten Wunsch hätte, der nicht weniger wichtig, aber schwieriger umzusetzen ist, wäre es die Durchführung von Aufklärungskampagnen, um die Stigmatisierung von Psychotherapie zu beenden.

Vielen Dank für das Interview und für die Einblicke in Ihre Arbeit, Frau Ahmed!

 


 

Interview mit Laila Ahmed

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