Dec 18, 2017 Last Updated 3:54 PM, Dec 15, 2017

Jeden Tag um zehn war Folterzeit

Ciwan aus Sulaymaniyah

Die Geschichte von Ciwan, einem 43-jährigen Mann aus Sulaymaniyah, der schwere Folter überlebt hat.

Unlängst hat sich Ciwan von seiner deutlich jüngeren Frau scheiden lassen, die untreu geworden war und die beiden gemeinsamen Kinder vernachlässigt hatte. Seitdem ist er alleinerziehender Vater und lebt mit den beiden Söhnen vorübergehend bei seiner Mutter.

Ciwan wurde in eine wohlhabende Familie geboren und wuchs gemeinsam mit vier Brüdern und vier Schwestern auf. Einer seiner Brüder wurde 1978 entführt und verschwand ebenso wie 900 weitere Personen. Ein anderer Bruder wurde in den 1980er Jahren hingerichtet. Eines Abends wurde unser Patient auf dem Heimweg an einem Checkpoint angehalten und nach seinem Ausweis gefragt. Ohne jede Erklärung nahm ihn die Polizei fest und brachte ihn zum irakischen Geheimdienst in Sulaymaniyah, wo er 15 Tage in Isolationshaft verbrachte und gefoltert wurde. Obwohl ihm die Augen verbunden waren, konnte er sagen, wann seine Folterer wiederkommen würden: „Ich wusste, dass jeden Tag um 10 Uhr wieder Folterzeit war, denn ich konnte die Titelmusik einer Serie hören, die ich mir vor der Haft immer um diese Zeit angeschaut hatte.“

Während der Verhöre war es eiskalt. Immer wenn Ciwan versuchte, die Arme um seine Knie zu schlingen, um sich zu wärmen, erhielt er einen Elektroschock in den Nacken. Ciwan wurde mehrfach angedroht, dass er vergewaltigt würde, und er musste eine Scheinhinrichtung durchstehen: „Sie zwangen mich mit dem Gesicht zur Wand und sagten mir, dies sei meine letzte Chance zu gestehen. In dieser Nacht wurde ich brutal geschlagen, am nächsten Morgen dann aber unerwartet freigelassen.“

Nach den Qualen jener Tage war unser Patient verunsichert und ziellos, er wechselte von einem Job zum nächsten. Als die Beziehung mit seiner Frau in die Brüche ging, verschlechterte sich seine Situation und er suchte Hilfe bei der Jiyan Foundation. Er zeigte uns seine Wunden an Nacken und Schultern und berichtete uns von einem Pfeifen im linken Ohr, das ihn Tag und Nacht begleitete. Seine rechte Schulter war geschwollen.

Unsere Ärzte konnten seinen körperlichen Beschwerden mit Medikamenten abhelfen, aber sein psychischer Zustand war sehr viel kritischer.
Ciwan litt unter Schlaflosigkeit, er hatte Angst vor Menschen in Militäruniformen und insbesondere vor Soldaten mit Schnurrbärten. Große Menschenmengen mied er. Er hatte das Vertrauen in sich und in andere verloren und litt an einem sehr geringen Selbstwertgefühl. Seine Symptome verschlimmerten sich unter dem Einfluss von Alkohol, und er versuchte zweimal, sich das Leben zu nehmen.

Unsere Mitarbeiter diagnostizierten bei Ciwan eine Depression und eine posttraumatische Belastungsstörung. In regelmäßigen psychotherapeutischen Sitzungen erarbeiteten wir Einschlafmethoden und Atemtechniken mit ihm und ermutigten ihn, wieder unter Leute zu gehen. Vor allem fanden wir heraus, dass unser Patient ein Talent fürs Malen hatte. Wir organisierten also Malwerkzeug und stellten seine Bilder in den Räumen der Jiyan Foundation aus. Das kreative Arbeiten hat sich als sehr positiv für Ciwans Genesungsprozess erwiesen.