Dec 17, 2017 Last Updated 3:54 PM, Dec 15, 2017

Ich muss mich diesem Alptraum stellen

Ich muss mich diesem Alptraum stellen

Meyro ist eine 36-jährige Kurdin, die im März 1988 die Giftgasangriffe auf Halabja überlebt hat. Sie wuchs in einem liebevollen Umfeld mit engen Beziehungen zu ihren Eltern und Geschwistern auf. Hier erzählt sie davon, wie sie ihre Familie verlor.

Meyro war neun Jahre alt, als die irakische Armee Halabja mit Chemiewaffen angriff. Zum Zeitpunkt der Angriffe war sie gerade bei ihren Großeltern zu Besuch. Während ihre Großmutter versuchte, sich außerhalb der Stadt in Sicherheit zu bringen, blieb sie bei ihrem Großvater in Halabja. Meyro wusste, dass ihre Familie in großer Gefahr schwebte, konnte aber nicht zu ihr. In der Therapie berichtete sie: „Während der Angriffe machten mein Großvater und ich uns schreckliche Sorgen um den Rest der Familie. Als die ersten Bomben fielen, hatten wir keine Ahnung, ob ihnen etwas geschehen war oder nicht. Wir mussten ohne sie in den Iran fliehen. Der Weg war schlimm und anstrengend. Wir sahen so viele Verletzte und Tote.“

Meyro und ihr Großvater erreichten ein Lager in Saryas im Iran, ohne etwas von ihrem Vater, ihrer schwangeren Mutter oder einem ihrer sechs Geschwister gehört zu haben. An ihre Zeit im Flüchtlingslager erinnert sich Meyro so:

„Alles, woran ich dort denken konnte, war die Suche nach meiner Familie. Wir blieben einen ganzen Monat in diesem Flüchtlingslager und sind dann heimlich nach Kurdistan zurückgegangen, um sie zu suchen. Wir hatten keine Idee, wo wir anfangen sollten. Ich erinnere mich daran, dass das meine Großmutter so sehr belastet hat, dass sie in Ohnmacht gefallen ist, und daran, dass meinem Großvater ununterbrochen Tränen über das Gesicht liefen.“

Irgendwann kam Meyros Onkel Daban auf ihre Großeltern zu und berichtete von Plänen, im Iran nach seiner ebenfalls vermissten Familie zu suchen. Er kehrte mit schlechten Nachrichten für Meyro und ihre Großeltern zurück. Zwar hatte er in einem Krankenhaus Meyros Vater gefunden und mit ihm sprechen können, aber sein Zustand war sehr kritisch. Meyros Mutter war kurz nach der Totgeburt der Zwillinge, mit denen sie zum Zeitpunkt der Angriffe schwanger gewesen war, gestorben. Als Daban zwei Tage später erneut zu dem iranischen Krankenhaus fuhr, war auch Meyros Vater tot. Meyro erzählt, wie sie diese Nachricht damals aufgenommen hat:

„Nachdem ich vom Tod meiner Eltern erfahren hatte, habe ich zwei Tage lang überhaupt nichts gedacht. Ich stand einfach unter Schock. Meine Großeltern trauern zu sehen machte alles noch schlimmer für mich.“

Bis heute weiß Meyro nicht, was mit ihren Geschwistern geschehen ist. Sie glaubt, dass sie noch am Leben sind. Seit den Giftgasangriffen leidet Meyro unter Alpträumen, Nervosität, Appetitlosigkeit, Flashbacks, Weinkrämpfen und Aggressionen. Unserem Team berichtete sie: „Ich habe einen lieben Ehemann, der mich gut behandelt, und eine kleine Tochter. Ich bin gesellschaftlich angesehen und finanziell abgesichert, aber trotzdem bin ich nicht glücklich. Meine Familie ist nicht da. Bis jetzt habe ich darauf gewartet, dass meine Geschwister zurückkommen. Ich werde schnell wütend und manchmal tue ich am Ende meiner Tochter weh. Ich will das nicht. Deshalb bin ich zu euch in dieses Zentrum gekommen. Ich muss mich dem Alptraum stellen. Ich brauche eure Hilfe.“

Unsere MitarbeiterInnen diagnostizierten bei Meyro Depressionen, Ängste und eine posttraumatische Belastungsstörung. Die Ungewissheit über den Verbleib ihrer Geschwister machte es ihr schwer, über den Verlust ihrer Familie zu trauern. Psychotherapeutische Gespräche und das Einüben von Bewältigungstechniken halfen ihr, die Flashbacks zu lindern und ihre aggressiven Phasen zu mildern. Wir gehen davon aus, dass weitere Therapiesitzungen auch Meyros andere Symptome reduzieren und ihr zu mehr Lebensqualität verhelfen werden.