Dec 18, 2017 Last Updated 3:54 PM, Dec 15, 2017

Er hat sie bei den Toten gefunden

Verlorene Mutter

Ari ist ein elfjähriger Junge, der in Bagdad geboren wurde und seine Mutter bei einem Terroranschlag verloren hat. Gemeinsam mit seinem Vater und seiner Großmutter lebt er nun in Kirkuk.

Als Ari sechs Jahre alt war, gingen seine Mutter und seine Großmutter eines Morgens zusammen auf den Markt in Bagdad. Eine Stunde später hörte der kleine Junge eine Explosion aus der Richtung, in die sie gegangen waren. Er rief nach seinem Vater, der den ganzen Marktplatz nach seiner Frau absuchte. „Als er meine Mutter nicht finden konnte, ging mein Vater ins Krankenhaus, um nachzuschauen, ob sie bei den Verletzten war. Er hat sie bei den Toten gefunden.“

Als Ari vom Tod seiner Mutter erfuhr, erlitt er einen Schock. Er konnte nicht verstehen, was geschehen war – sie hatte ihm doch wenige Stunden zuvor noch einen Abschiedskuss gegeben. Auch drei Jahre nach dem Vorfall hat Ari ihren Tod noch nicht akzeptiert, weil sie schließlich „ja nicht krank war“.

Da sich für Aris Familie als Kurden die Sicherheitslage in Bagdad dramatisch verschlechterte, lebten sie in ständiger Angst. Als Aris Vater Todesdrohungen erhielt, entschied er, seine Stelle aufzugeben und nach Kirkuk zu gehen, wo sie ein kleines Haus mieteten. Dieser Schritt überforderte Ari. Er weinte nun noch mehr als zuvor, war niedergeschlagen, bekümmert und vermisste seine Mutter mehr denn je, ebenso wie sein Zuhause und seine Freunde. Sein Vater hat nicht wieder geheiratet, um seinen Sohn nicht noch weiter zu belasten.

Aris Großmutter begleitete ihn zu seiner ersten Sitzung bei der Jiyan Foundation. Sie erzählte uns, dass er sich oft auffällig verhielt, schrie oder sehr nervös und schnell sprach. Unsere Therapeuten bemerkten, dass er extrem traurig wirkte und überhaupt nicht sein wollte, wo seine Großmutter ihn hingebracht hatte.

Bei Ari wurden Verhaltensauffälligkeiten und eine emotionale Störung diagnostiziert. Langsam gewöhnte er sich an unser Zentrum, und vor allem der Raum für Kinder wuchs ihm ans Herz. Unsere Kinderpsychologen halfen ihm zunächst dabei, seiner Trauer durch Zeichnungen und Spieltherapie Ausdruck zu geben. Nach wie vor kommt er zweimal im Monat zu unseren Psychotherapeuten, die seine Fortschritte beobachten.