Oct 22, 2017 Last Updated 7:10 AM, Sep 29, 2017

Irak und Kurdistan

Irak und Kurdistan

Kirkuk: Ein mesopotamischer Mikrokosmos

Die Stadt Kirkuk, deren Wurzeln bis in die Antike zurückreichen, hat etwa eine Million Einwohner und liegt 250 Kilometer nördlich von Bagdad zwischen Tigris und Zagros-Gebirge. Für Kirkuk ist aufgrund seiner multiethnischen Vergangenheit ein besonderer politischer Status in der irakischen Verfassung festgeschrieben, die Stadt gilt als Testfall für Fragen des friedlichen Zusammenlebens im Nachkriegsirak.

Im Laufe der vergangenen 4.500 Jahre herrschten in Kirkuk zahlreiche Imperien und Dynastien, darunter die Großmacht der Hurriter Nord-Mesopotamiens, die alten Assyrer, Herrscher des Seleukidenreichs, mehrere persische Dynastien und Machthaber des Osmanischen Reichs. Heute leben in Kirkuk Kurden, Turkmenen, Araber und Assyrer. Sunnitische und schiitische Muslime stellen die Mehrheit der Bevölkerung, die auch Jesiden, chaldäische Katholiken und syrisch-orthodoxe Christen umfasst.

Während des Baath-Regimes (1968-2003) waren Kirkuk und die umliegenden ländlichen Gebiete Schauplatz zahlloser Gräueltaten. Bis zu 100.000 kurdische Zivilisten fielen im Verlauf der sogenannten Anfal-Operationen (1986-1989) groß angelegten Deportationen, der Inhaftierung in Konzentrationslagern, Massenexekutionen oder Giftgasangriffen zum Opfer. Mehr als 2000 Dörfer wurden zerstört.

Bis zur Befreiung der Stadt durch kurdische Streitkräfte im Jahr 2003 litt die Bevölkerung von Kirkuk unter systematischen Menschenrechtsverletzungen. Seitdem ist die Sicherheitslage instabil, und tausende Menschen verloren ihr Leben bei Terroranschlägen.

Region Kurdistan

Die Region Kurdistan liegt im Norden des Irak und ist seit 1991 ein verfassungsrechtlich autonomes Gebiet unter alleiniger kurdischer Kontrolle. Sie ist als parlamentarische Demokratie verfasst und zählte vor der Flüchtlingskrise 2014 etwa 5,2 Millionen Einwohner.

In den vergangenen Jahren gelang es der Regionalverwaltung, Sulaymaniyah, Erbil und Dohuk zu relativ friedlichen und stabilen Provinzen zu machen. Die Lage in der Region Kurdistan ist daher im Vergleich zum Zentral- und Südirak durch einen verhältnismäßig hohen Lebensstandard gekennzeichnet.

Seit Sommer 2014 haben die kurdischen Provinzen neben 240.000 Menschen aus Syrien etwa 1.5 Millionen Flüchtlinge aus anderen Teilen des Irak aufgenommen. Außerdem bekämpfen kurdische Streitkräfte „IS“-Terroristen entlang einer 2000 Kilometer langen Grenze. Dies bedeutet eine enorme wirtschaftliche und politische Herausforderung, stellen die Provinzen doch den einzigen friedlichen und demokratischen Rückzugsort in einer von Krieg, Terror und religiös motivierter Gewalt erschütterten Region dar.

Sulaymaniyah und Erbil

Die Städte Sulaymaniyah und Erbil liegen zwar im kurdischen Gebiet des Irak, das nach dem Zweiten Golfkrieg als Flugverbotszone geschützt war, sind aber erst seit 2003 vollständig unabhängig und friedlich.

Die aktuellen Einwohnerzahlen von Sulaymaniyah und Erbil werden auf je eine Million geschätzt, wobei die Bevölkerung aus Kurden und einer beträchtlichen Zahl arabischer Flüchtlinge besteht, die seit 2003 eingetroffen sind. Sulaymaniyah gilt als diejenige Stadt, die die größten individuellen Freiräume im gesamten Irak bietet. Die Lage von Frauen jedoch ist auch hier nach wie vor besorgniserregend. Erbil wiederum, eine nicht zuletzt aufgrund internationaler Investitionen rasch wachsende Stadt, gilt im Gegensatz zu Sulaymaniyah als eher traditionell und konservativ.

Chamchamal

Chamchamal, lange eine Kleinstadt mit weniger als 20.000 Einwohnern, liegt zwischen Kirkuk und Sulaymaniyah. Seit den sogenannten Anfal-Operationen (1986-1989) wuchs die Einwohnerzahl auf über 50.000 an, da durch die Zerstörung der umliegenden Dörfer viele Familien nach Chamchamal flohen und der Deportation in das etwa zehn Kilometer entfernte Lager Tekye entgehen konnten.

Bis heute sind Arbeitslosigkeit und auch Tötungsdelikte in der Region weit verbreitet. Chamchamal bleibt, vom Krieg gezeichnet, eine der ärmsten Gegenden im Nordirak, wo es vielen arbeitslosen Bauern nicht gelingt, in der Stadt Fuß zu fassen und ein Auskommen zu finden. Die Mittel, ihre Häuser in ihren alten Dörfern wiederaufzubauen, fehlen ebenso.

Halabja

Halabja liegt etwa 90 km südöstlich von Sulaymaniyah. Die Einwohnerzahl der Gegend wird auf 250.000 Menschen geschätzt. Halabja erlangte durch Giftgasangriffe im März 1988 traurige Berühmtheit, bei denen 5.000 Zivilisten getötet wurden und Tausende mit lebenslangen gesundheitlichen Beschwerden und Beeinträchtigungen zurückblieben.

Im Anschluss an die Giftgasangriffe von 1988 zerstörte die irakische Armee Teile der Stadt; viele Menschen wurden deportiert. Die Zerstörung der Infrastruktur ebenso wie sozio-kultureller oder familiärer Strukturen wirkt bis heute in dieser Gegend fort, die ebenfalls zu den ärmsten im Nordirak zählt. Eine hohe Arbeitslosenquote, soziale Konflikte und häusliche Gewalt dominieren den Alltag.

Dohuk

Dohuk nahe der türkischen Grenze hatte vor der Flüchtlingskrise 2014 etwa 250.000 Einwohner. Das Gebiet war Schauplatz unzähliger Konflikte zwischen dem Baath-Regime und dem kurdischem Widerstand. Wie in allen  kurdischen Gebieten im Irak haben seine Bewohner unter Verfolgung, militärischen Vergeltungsschlägen und den sogenannten Anfal-Operationen gelitten. Bis 1991 wurde ein Großteil ihrer Dörfer und der Infrastruktur zerstört; tausende Menschen, darunter 10.000 Männer des Barzani-Stamms, verschwanden spurlos.

Ab 2003 wurden Dohuk und die nahe gelegene Ninive-Ebene zum Zufluchtsort einer großen Zahl Binnenvertriebener, die vor anhaltender religiös motivierter Gewalt und jüngsten Menschenrechtsverletzungen in anderen Teilen des Iraks flohen. Während der syrischen Flüchtlingskrise kamen rund 100.000 Syrer in der Provinz Dohuk unter, die Hälfte von ihnen allein im Flüchtlingslager Camp Domiz. Seit dem Vormarsch der „IS“-Terroristen im Sommer 2014 wurden in der Provinz Dohuk etwa 600.000 Flüchtlinge, hauptsächlich aus Mossul und Sinjar, aufgenommen.